Twenty Days & Nights

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24.07.2010 08:05 #803167 von etp
etp antwortete auf Twenty Days & Nights
Tja, diese Bootleg-Schwemme des vergangenen Jahres hat dazu geführt, daß ich zwar viele neue CDs bekommen habe, aber selten die Zeit hatte, sie auch in angemessener Ruhe zu hören. Seit einem Jahr steht "20 Days" nun mehr oder weniger im Schrank, wurde mehrfach kurz angezappt, aber nie von Anfang bis Ende durchgehört .... bis gestern abend....

<span style='font-size:21pt;line-height:100%'>Warm-Up for Midnight</span>

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Die Midnite Show vom 12. August 1970 gilt als eine der besten Shows, die Elvis je gegeben hat. Seit "20 Days" ist mir auch ein bißchen klarer, warum:
Die Dinner Show zuvor, die wir hier hören, muß für Elvis ein Albtraum gewesen sein! Nicht ein einziger Song geht glatt durch, einer verspielt sich immer, alle - von Elvis bis zur Band - scheinen irgendwie im Tran zu hängen ....
Tja, es gibt diese Abende, wo einfach nichts rundlaufen will, wo du versuchst, etwas perfektes abzuliefern, aber immer wieder an einer Kleinigkeit scheiterst.
Einen Perfektionisten wie Elvis, zumal er wegen der Dreharbeiten unter Beobachtung und unter einem gewissen "Ablieferungsdruck" stand, muß diese Show in's tiefste Mark getroffen haben. So sehr, daß er in der Midnite Show den Hammer rausgeholt hat, um sich und allen anderen zu beweisen, daß er es kann wie kein anderer.

Ein Idiot ist allerdings nur der, der deshalb glaubt, diese Show sei schlecht. Das ist sie beileibe nicht, denn Big "E" versteht es prächtig, die Unvollkommenheit dieses Moments in eine publikumswirksame, warme Atmosphäre zu verwandeln. Wer diese Show live gesehen hat, hat den Abend definitiv genossen.

Aber von vorne.
Die Aufnahme startet offensichtlich zu spät, denn Elvis scheint schon auf der Bühne zu stehen und "That's All Right Mama" abgebrochen zu haben. Warum bleibt mir vorerst ein Rätsel. Elvis gibt sich zwar blödelnd, indem er auf das Intro versucht, Love Me Tender zu singen, biegt dann aber doch recht schnell ab auf eine gewohnt rockige Version seines neuen Openers.
Es geht sofort in die Oldie-Ecke: I Got a Woman, Hound Dog, Heartbreak Hotel werden zwar souverän durchgezogen, doch bei den Monologen faselt er sich ein Zeug zusammen, das typisch für einen Elvis ist, der merkt, daß es heute nicht so läuft. Heue sind wir dankbar, haben es doch so herrliche Szenen wie die vor Heartbreak Hotel ("If you milk this thing long enough ...") in die Special Edition von TTWII geschafft, die berühmte Mikrofon-Szene vor Love Me Tender sogar in den Originalfilm. Love Me Tender selbst startet zwar verhalten, wird dann aber schnell zum "Masterpiece", als Elvis zum ersten Mal an diesem Abend die Bühne verläßt, um sich unter's Publikum zu mischen. Ein herrlicher Moment, ebenfalls zu sehen in der neuen Version von TTWII .... rein audiomäßig muß man sagen, ist man genauso froh wie die Leute auf dem Balkon, als Elvis endlich wieder auf die Bühne zurückkommt. ...

Überhaupt scheint "Love Me Tender" sowas wie der Versuch eines Neustarts der Show zu sein. Die erste Viertelstunde (die mittlerweile über 20 Minuten dauert) ist rum, und man fühlt, daß diese Show noch keine Spur hat. Es wirkt faserig, unzusammenhängend, es holpert ... und Elvis versucht das mit lustigen, teils komischen Sprüchen und Lachern zu überspielen. Man fühlt nahezu mit ihm, merkt ihm seine Unsicherheit und sein gleichzeitiges Suchen nach Perfektion an.

Aber nun geht es erstmal in den "contemporary"-Block: "I've Lost You" steht auf dem Programm, seine neue Single, und die Pannenserie geht gleich weiter, als ein riesiges Feedback den Showroom erschüttert .... "perfect imperfection" wird sich Denis Sanders gedacht haben, nimmt er doch diese Version in seinen Original-Cut mit rein. "I Just Can't Help Believin'" startet vielversprechend, läuft gut durch, hat einen schönen Beat, wird von Elvis aber leider (vielleicht aus Zeitgründen?) im Reprise verkürzt.

Nach diesen zwei feinen, aber für das Elvis-Publikum unbekannten Balladen, geht es mit "one, two, three, four!" in den Wachmacher: die LP-Version von Patch It Up folgt. Hinlänglich bekannt und vielleicht der einzige Song des Abends, der pannenfrei über die Bühne geht ... doch schon beim nächsten Song stellen sich die Schwirigkeiten wieder ein: "20 Days" kündigt Elvis an als einen Song, den er nicht wirklich mag, um den die Produzenten aber heute abend gebeten hätten ... soll man's ihm glauben!? Ich bin mir nicht sicher.

Mit "You've Lost That Loving Feeling" nimmt die Show aber endlich Fahrt auf. Eine sehr solide Version, die mit ihrem Beat, ihrer Dramaturgie und ihrer Darbietung nicht nur super zu Elvis passt, sondern endlich auch mal vertrauten Dampf in die Bude bringt. Hier scheinen sich endlich alle sicher zu fühlen: keine Experimente, keine Unsicherheiten, wie lange der Song eigentlich geht ... "Feelin'" läßt keinen Platz für Improvisationen größerer Art - an diesem Abend sicher eine gute Hilfe.

Und mit dieser Sicherheit startet Elvis in seine Hymne, den Showblocker, die sichere Bank: Polk Salad Annie ... für mich ein Schlüsselpunkt der Show. Aus Sicht der Produzenten sicher keine gute Version: fahrig, viel zu lang, improvisiert, durcheinander, getrieben von einer adrenalin-getränkten Kreativität ist dieser Song aber ganz großes Entertainment ... ein Herzstück des Elvis'schen Musikkosmos, ein Jam erster Güte ... eigentlich ein Stück, das einer Probe entspringen würde ... aber nicht vor Publikum aufgeführt wird. Aber genau das - und deshalb finde ich diese Version so großartig - macht Elvis immer wieder aus: er kümmert sich nicht um Grenzen, er läßt seiner Kreativität freien Lauf, egal, wo er steht .... wenn's auf der Bühne passiert: bitteschön, dann sollen auch alle dran teilhaben! Mit seinem vermeintlichen Army-Jam bringt er seine Bandkollegen in größte Verwirrung und "Hab Acht Stellung", treibt sie damit aber auch gleichzeitig an, entlockt Ronnie Tutt unglaubliche Beats und der ganzen TCB-Band einen funkigen Sound, der durch seine Unvorhersehbarkeit einen Soul und Drive bekommt, wie kaum eine andere Version. Elvis versucht genau das in der Midnite Show zu wiederholen, scheitert aber an der Unwiederholbarkeit des einen Moments!

Nach einem fulminanten Ende ist es Zeit für die Band Intros. Und spätestens hier merkt man ihm an, unter welchem Druck er steht. Charlie Hodge, der arme, kriegt den vollen Druck ab .... dabei will Charlie ihm eigentlich nur helfen, als Elvis bei der Vorstellung von Glen Hardin lange überlegt, welche Songs der denn nun für ihn arrangiert hat: "würdest Du bitte einfach mal den Mund halten!?", blafft Elvis Charlie an und macht weiter: "Der Typ plappert den ganzen Abend", setzt noch eine Charlie-Stimmenimitation oben drauf, bevor er sich endlich wieder Glen zuwendet .... als der unglückliche Charlie dann auch noch ein Glas "Gatorade" umwirft, ist es ganz vorbei: es gibt volle Breitseite von Elvis: "Du könntest ruhig mal hier das Zeug wegwischen, anstatt nur blöd zuzukucken, wie's ausläuft!" ... Szene einer Ehe, möchte man fast sagen .... gut für Elvis, daß Charlie wußte, daß genau das zu seinem Job gehörte. Charlie war der Bühnen-Regisseur, der Mann im Rücken ... das Auffangen und Aushalten von Druck des Künstlers gehört zu seinen ersten Aufgaben.

Das letzte Drittel der Show gibt Elvis dann wieder Vollgas mit einer Spontan-Version von Blue Suede Shoes, einer soliden, wenn auch nicht fehlerfreien Version von You Don't Have To Say You Love Me, einem ordentlichen Bridge Over Troubled Water, einem coolen Suspicious Minds - auch hier wieder mit versautem Ende; es will einfach nicht klappen heute abend! und einem fast schon erleichterten Can't Help Falling In Love, bei dem Elvis seinen ganzen Frust, so scheint es, raussingt, in dem er seine Stimme in unglaubliche Höhen zieht.

<span style='font-size:14pt;line-height:100%'>FAZIT:</span>

Wir kennen unseren Elvis ja nun schon eine Weile und wissen, daß er zu unglaublichen Steigerungen fähig war, wenn er mit der Leistung zuvor nicht zufrieden war. So muß es mit dieser Midnite Show vom 12. August 1970 gewesen sein! Mit der Dinner Show konnte Elvis nicht zufrieden sein. Er hat sie zwar zu einem guten Ende gebracht und entertainmäßig hatte die Show auch durchaus ihre Qualitäten, aber wir wissen, daß Elvis nichts mehr hasste als Pannen, vor allem technischer Art. Man merkt jedem Song an, daß alle unbedingt bemüht sind, die Pannen der vorangegangenen Songs auszumerzen, gut zu spielen, fehlerfrei zu spielen ... und dann geht schon wieder was schief. Es ist an diesem Abend wie verhext, und Elvis muß sich gedacht haben: "Das darf doch nicht wahr sein!" ... und es ist typisch für ihn, daß er in genau diesen Situationen mit einem professionellen Trotz reagiert, der ihn zur absoluten Topform auflaufen läßt. Genau das ist in der MIdnite Show passiert ... und genau deshalb müssen wir eigentlich dankbar sein, daß es diese Pannenshow gegeben hat.

Aber nochmal: nur aus der Sicht von Elvis ist diese Show eine Pannenshow. Das Publikum (und der Hörer) bekam dafür eine lockere, verrückte, teilweise sogar an Slapstick grenzende Show geboten, die trotz der Pannen und improvisierten Momente musikalisch absolut unterhaltsam war ... und es bekam einen "echten" Elvis zu sehen, der gerade wegen dieser Pannen eine sympathische und hochprofessionelle Show ablieferte - "perfect imperfection" eben. Und das ist es, warum ich Elvis so verehre und er auch für meinen Alltag im Beruf ein Vorbild ist.

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24.07.2010 10:27 #803177 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Twenty Days & Nights
Danke für die ansprechende Besprechung. Bin gerade dabei, die Show zu brennen, um sie heute mal anzuhören.

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24.07.2010 11:19 #803178 von etp
etp antwortete auf Twenty Days & Nights
die Band Intro im Bild, großes Kino:

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24.07.2010 11:49 #803180 von Schorni
Schorni antwortete auf Twenty Days & Nights
Sehr gute Besprechung. Danke. :up:

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24.07.2010 13:28 #803182 von edde
edde antwortete auf Twenty Days & Nights

die Band Intro im Bild, großes Kino:

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Man sieht nix?!

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24.07.2010 13:59 #803184 von Donald
Donald antwortete auf Twenty Days & Nights

Man sieht nix?!

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24.07.2010 17:52 #803197 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Twenty Days & Nights

die Band Intro im Bild, großes Kino:

Und da ist es wieder, das "Dinner Show"-Syndrom. Der Mann ist doch neben der Spur, oder? Dieses Nuscheln, der leicht aggressive Unterton, das Herumgerenne... Wäre das ein Ausschnitt von 1975 würde man sagen, er steht (noch) unter irgendeinem Einfluss. Bei 1970 traut man sich nicht, es zu sagen, aber einen 100%igen Eindruck macht er im August 1970 eigentlich schon nicht mehr.

Im Film, wenn die Sachen geschnitten sind, ist es großartig, aber schon bei den Outtakes fiel mir seinerzeit auf, dass irgendwas los ist. Wenn er gut war, war er großartig, aber nicht mehr jeder Moment war ein Ereignis.

Ich weiß jetzt gerade nicht, ob ich auf so eine verpennte Nuschel-Show Lust habe...

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24.07.2010 18:18 #803198 von Berliner
Berliner antwortete auf Twenty Days & Nights
Straight Vodka :wub: :smokin:

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24.07.2010 19:18 #803200 von Donald
Donald antwortete auf Twenty Days & Nights

Straight Vodka :wub: :smokin:

:up:

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24.07.2010 19:29 #803209 von User gelöscht
User gelöscht antwortete auf Twenty Days & Nights

Einen Perfektionisten wie Elvis...

:noldno:

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