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Januar/Februar 1969 oder Juni 1970?
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Die Version von Elvis ist eine Rocknummer, der Zeit angepasst.
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Und damit schieße ich nicht auf „In The Ghetto“ ab.
Wie unterschiedlich diese Sessions in ihrer Qualität sind, kann man sehr gut auf „Great Country Songs“ verfolgen, setzt allerdings voraus, dass der Zu(!)hörer des Englischen mächtig ist und in der Lage ist, Gefühle zuzulassen.
Ich möchte in diesem Posting auf einen Song aus den 69er Sessions eingehen, der von einer lyrischen Tiefe ist, wie ich sie in kaum einem anderen Elvis Song gehört habe. Ein Gesamtkunstwerk in meinen Augen.
„Kentucky Rain“.
Irgendwie immer als Superhit bezeichnet, aber leider nie zur Geltung gekommen, wie er es in meinen Augen verdient hätte. Für mich ist dieser Song der am besten arrangierte, den Elvis je aufgenommen hat. Hier zeigt sich die wahre Kunst des Orchestra-Overdubbings, weil es den Song nicht nur begleitet, sondern unterstützt und erst dadurch zu dem macht, was es ist: ein Film, der vor dem inneren Auge des Zuhörers ablaufen kann.
Eine recht banale, aber dafür umso imposantere Geschichte: da ist ein Mann, verlassen von der Frau, die er so liebt. Warum sie weg ist, weiß niemand so genau. Es bleibt offen. Ein anderer Mann? Enttäuschte Liebe ihrerseits? Er macht sich auf jedenfall auf die Suche. Eine beschwerliche Suche. Denn sie führt durch die Ödnis und die Trübseligkeit. Es regnet ununterbrochen. Die Streicher malen die Wolken vor unser inneres Auge. Wie in einer Art Zeitraffer türmen sie sich auf, ziehen sie sich zusammen, scheinen sie einen kleinen Moment den Blick auf einen heiteren Himmel freizugeben, um sich kurz darauf doch wieder zusammenzuziehen zu einem unheilvollen dunklen Wolkengebirge, dass dann in einem drohenden Bläsersatz zu dem wird, was die Suche unseres Mannes so hoffnungslos macht: dieser ewige Regen, diese ewige Suche nach dem Ausgang. Diese ewige Macht des Dunklen, die ihn dazu bringen will, diese Suche aufzugeben, weil sie sinnlos ist.
Und unser Held scheint diese Sinnlosigkeit immer mit sich herumzumtragen: „Seven lonely days“, „a dozen towns ago“ – und überall wo er hinkommt, findet er ihre Spuren, aber sie ist schon weg. Ständig fragt er sich warum und wohin sie wohl unterwegs ist. Und er weiß nur eines: seine Liebe ist stärker als der triste Regen, stärker als die Macht der Natur, sie, die Frau seines Lebens, ist im wichtiger als sein Leben, als seine Gesundheit.
Über ihm tobt sich der Sturm aus, wir sehen diesen Mann vor uns in seinem langen Ledermantel und seinem Hut. Alles an ihm ist durchnässt, jedes Cymbal macht uns klar, wie naß seine Schritte sein müssen, und wie der Regen überall heruntertropft. Auch wenn sich die Wolken mal kurz verziehen, der Donner aufzuhören scheint, es tropft immer weiter. Es ist nicht angenehm, was unser Held durchmacht. Aber er geht weiter. Immer weiter, auch in die nächste Stadt, immer auf der Suche nach ihr und gleichzeitig auf der Suche nach sich selbst und seiner verlorenen Liebe.
Und er beschränkt sich nicht nur auf sich. Er macht sein Elend publik, auch Leuten gegenüber, die vielleicht von seinen Fehlern wissen, die seiner Frau Halt und Stütze gegeben haben und jetzt nicht so recht wissen, ob sie ihm sagen sollen, wo sie ist, oder ob es nicht vielleicht doch besser für beide ist, getrennte Wege zu gehen. Ein Pater hört ihm zu und wünscht ihm Gottes Beistand. Es scheint also alles gut zu werden – da bricht der Sturm schon wieder los, die klammen Kleider werden erneut naß, erneut sieht er kaum was wegen des vielen Regens. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber er geht weiter. Immer weiter. Und der Zuhörer darf die Geschichte weiterdenken. Wird unser Mann so lang weitergehen, bis sich auch der letzte Sturm verzogen hat? Oder wird er irgendwann völlig durchnässt aufgeben, sich in eine nichtssagende, dreckige alte Kneipe zurückziehen und sein Leben und seine Suche aufgeben??????
„Kentucky Rain keeps pouring down“.
Jedes Instrument ist hier an seinem Platz. Hier dienen sie nicht der Begleitung, sondern der Unterstützung. Hier ergänzen sie die Geschichte, die uns Elvis erzählt, um wesentliche Details. Jedesmal bekomme ich Gänsehaut, wenn ich diesen Song höre und ich finde: kein anderer Song hat diese unterstützende Begleitung gefunden.
Von ähnlicher erzählerischen Dichte sind übrigens „Gentle On My Mind“ und „Do You Know Who I Am“.
In den 70er Sessions vermisse ich diese Tiefe. Es sind schöne Lieder, keine Frage, aber ihre erzählerische Dichte ist im Vergleich zu den 69er Sessions enorm dünn und extrem simpel gestrickt. Der einzige Song, der da noch rankommt ist vielleicht „Funny How Time Slips Away“ und „I’ve Lost You“.
Ich möchte hier nicht den Begriff des „Message Songs“ oder einer „Message“ in bestimmten Songs strapazieren. Deshalb benutze ich bewusst den Begriff des „Erzählerischen“. Und dahingehend sind alle – wirklich ausnahmslos alle – Songs von „FROM ELVIS IN MEMPHIS“ enorm dicht. Auch die Singles sind anrührend wie kaum etwas anderes, weil sie nicht nur auf simple Geschichten abzielen, sondern unterschwellig mit Hilfe der Musik Dimensionen transportieren. „Don’t Cry Daddy“ ist ein weiteres Beispiel für das gekonnte Zusammenspiel von Text und Musik zur Schaffung einer einzigartigen Stimmung, die mich berührt.
„This Is Our Dance“ ist dagegen einsimples Abspannlied. Nett, aber nicht tiefsinnig.
„20 Days & 20 Nights“ – ein all-time favorite von mir wegen seiner Melodie. Aber wo bleibt denn da die orchestrale und chorale Unterstützung!? Die Harmonien sind nett, ja, aber sie begleiten lediglich!
„I’ve Lost You“ rührt mich von der Geschichte an, ja, aber im Harmoniebereich tut sich nicht so sehr viel.
Was die 70er Sessions meiner Meinung nach auszeichnet, ist ihr Jam-Charakter. Dahingehend sind sie villeicht als unübertroffen dazustellen. Aber das Jammen alleine macht nicht Elvis’ Kunst aus.
Insofern sind die 69er Sessions vielleicht die am aufwendigsten produzierten Sessions – wenn man das Maß der erzählerischen Dichte anlegen möchte, oder wie mein Chef immer sagt: „Kino im Kopf! Das muß dein Ziel sein!“
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Der zweite Satz könnte stimmen.Die Killer Version von "shakin.." ist ein klassischer Rock and Roll.
Die Version von Elvis ist eine Rocknummer, der Zeit angepasst.
Zum ersten: Ist es nicht einfach ein guter Boogie Woogie
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Das sehe ich auch so. Aber manchmal hat Elvis es auch übertrieben ....Ich gebe es zu: Ich liebe das, was andere verächtlich nur als Kitsch bezeichnen! Schwülstige Orchesterarrangements, sehnsuchtstriefende Texte, romantische Melodiebögen mit lang angehaltenen hohen Tönen - einfach herrlich, da geht mir das Herz auf!
Gerade das habe ich an Elvis immer bewundert: Er konnte einen Song nehmen, den die meisten Leute als "Schnulze" oder "seicht" bezeichnen würden, und hat daraus eine Hammer-Nummer gemacht, mit einer Power und einer Leidenschaft, dass es einen geradezu wegbläst. Das Arrangement drückt und treibt, der Groove hat unendlich viel Kraft, und dann diese Stimme... Wahnsinn!
Das ist richtig. Und auf einmal ist seine Version DIE definitive, obwohl einem von dem Song vorher schon mehrere vorlagen.... Elvis hatte es einfach drauf.
Trotzdem geht es mir bei ihm wie bei vielen anderen auch: Man hört ein Lied und liebt es. Es läuft.
Oder eben nicht. Und dann hilft auch keine Argumentation wie:
"Hör doch mal genau hin... geiles Arrangement. Toll gesungen, interessante Akkorde"
"Das Ding ist ein Klassiker / war ein Riesen-Hit".
"Ernst findet den Song auch gut".
"In allen Büchern wird er gelobt"....
So ist das bei mir z. B. mit "Kentucky Rain". Dem KANN ich einfach nichts abgewinnen.
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- Big Hunk
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Sehr treffend. Und (zugegebenermaßen Elvis zuliebe) daher sage ich auch immer: Man KANN die beiden Fassungen nicht vergleichen.Die Killer Version von "shakin.." ist ein klassischer Rock and Roll.
Die Version von Elvis ist eine Rocknummer, der Zeit angepasst.
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...dann immer die Kritik an den Balladen, die etwas feiner und nicht so pompös sind...
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Wieso!? Elvis hat den Song doch nicht geschrieben und komponiert - er hat die Geschichte lediglich erzählt."von erzählerischer Dichte" - ETP überschätzt den Mann von Crown Electric.
Oh Mann, es ist zwecklos. Ihr kapiert es einfach nicht ....
Ich wiederhole noch einmal die Kernaussage:
GESAMTKUNSTWERK
an welchem nicht nur Elvis beteiligt war, sondern alle, angefangen bei Chips Moman und der Band bis zu den Fuzzis, die die Streicher eingespielt haben ....
Ich übe auch keine Kritik an den einfachen Balladen - sie stehen nur einfach nicht so hervor wie Kentucky Rain oder Gentle On My Mind oder Don't Cry Daddy oder Do You Know Who I Am (was ürbigens sehr simple ist) oder Long Black Limousine oder You'll Think Of Me....
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Nach so einem Satz habe ich eigentlich schon genug.Die 69er Sessions haben eine geistige und erzählerische Tiefe, die die 70er Sessions nicht erreichen.
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- Big Hunk
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Hier unterschreibe ich beides.Genau. Dieses entspannte ist es auch, was mir an 1970 so gefällt. Er hatte noch ordentlich Power, aber er stand nicht mehr unter Druck, er sang nicht mehr um sein Leben, so wie 1969 - obwohl das auch seinen Reiz hatte. Nur mag ich es lieber etwas unangestrengter.Aber insbesondere, da mir die 1969er Session verkrampfter, gewollter und überproduzierter vorkommt. Da gefällt mir die spontane und entspannte Stimmung z.B. der "Country" besser.
Leider wurde er dann ab 1971 zu entspannt - sprich gleichgültig.
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